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hier, wie gestern angekuendigt, eine zusammenfassung zum Thema
‘KUNST & DORF”
untertitelhier klicken – danke
ich habe eine Zusammenfassung unseres woechentlichen Treffs von gestern,
mehr oder weniger unbearbeitet
hier veroeffentlicht.
Erwähnt und nachzulesen im
findet sich die Bemerkung, dass das Projekt ‚Kunst fürs Dorf – Dörfer für Kunst’, Projekt der Deutschen Stiftung Kulturlandschaft, dieses Jahr zum dritten und vermutlich letzten Mal stattfinden wird. Wodurch auch immer das Projekt in seiner Fortführung gefährdet ist – es wäre sehr schade drum. Herausforderungen sollten bestehen bleiben. Mein Kunst im Dorf ist eine Herausforderung. Die Größte, die ich in meiner partizipatorischen Arbeit erlebt habe. Ich habe diesen Satz am 8.Mai schon einmal im Gespräch mit der der Urbanstin und Kulturwissenschaftlerin Theresa Dietl formuliert. Sagen Sie das nicht bei jedem Projekt?, war ihre Gegenfrage. Ich weiß nicht. Vielleicht, wahrscheinlich tue ich das.Während meines Stipendiums 2001 in Moskau wurde ich mit Armut und der Fragilität menschlicher Existenz konfrontiert wie nie zuvor und nie danach. 2011 in Syrien habe ich Angst begriffen. Dazwischen liegt ein ziemliches Spektrum an Lernen. Auch sehr Heiteres, wie in Kirgistan, als mich eine Passantin während einer Performance fragte, ob ich die Managerin von Lidl bin. Sie bezog sich auf den Chefposten der ersten Lidl-Filiale in Bishkek. Ich bin für jede dieser Erfahrungen dankbar.
Nach Blankensee 2013 ging ich mit einer Haltung. Die hieß nackt. Das Thema Grenzerfahrungen scheint bei uns in der Familie zu liegen, man kann sie verfolgen in den Biographien von Vater, Bruder, Sohn. Würde man bei Schweizern vielleicht gar nicht so vermuten.
Nackt bedeutet sich ausliefern, aufprallen lassen, was kommt. Und das verleitet offensichtlich das Gegenüber zum Übergriff. Vielleicht lädt es auch dazu ein.
Ich hab immer gerne Federball gespielt. In der Grundschule mochte ich auch Völkerball.
Die Wucht des Aufpralls zwischen Kunst und Dorf ist ziemlich erstaunlich, dafür dass ich gar nicht soviel Maße besitze.
Eine Schürfwunde ist eine Wunde, die entsteht, wenn die Haut durch Reibungskräfte abgeschürft wird, beispielsweise bei einem Sturz. Eine nur oberflächliche Schürfwunde ist ein Beispiel für eine Erosion, eine tiefere ein Beispiel für eine Exkoriation.
Obwohl es sich bei der Schürfwunde an sich um keine gefährliche Verletzung handelt, die ohne Behandlung schnell verheilt, sollte sie trotzdem ordentlich behandelt werden.
(Wikipedia)
Das mach ich jetzt. Mit nackt ist Schluß. Du brauchst hier einen Panzer, hat mich ein Dorfbewohner gewarnt. Nicht meine favorisierte Keidung, ich hasse Dinge, die mich einengen. Aber ein Badeanzug darf’s schon sein. Zum Glück hab ich ja auch mein Seepferdchen.
Und morgen tagt die Sonnenschirmgruppe.
Da freu ich mich drauf.
Nach meinem Besuch am Himmelfahrtstag in Sehlis musste ich mir doch die Frage stellen, bin ich ein Spion?… Nein natürlich nicht – zwar bin ich nach Sehlis gefahren, um Menschen und Helmut zu treffen, aber nicht zum Spionieren.
Nach der ersten Fahrt durch das Dorf – kein Mensch. Nachdem ich zu Fuß durch den Ort ging – kein Mensch.
Bin ich zu früh ?
Nein, um 10 Uhr ist Kirche, da triffst du bestimmt jemanden und so war es auch. Nach dem Gottesdienst bin ich mit Ulli (bei strömenden Regen und nicht mit dem Fahrrad) zu Helmut in sein Quartier gegangen. Nach intensiver und spaßiger Unterredung sind wir zum Ortsrundgang gestartet und siehe da:
Sehlis hat sehr viel zu bieten. In allen Himmelsrichtungen – grüne Felder, gelbe Felder und braune Felder, auch der höchste in Sehlis vorhandene Berg (er wurde von Helmut schon bestiegen) wurde mir gezeigt. Nur an dem Blauen Boot kam Helmut in Erklärungsnöte bei der Frage, wo es herkommt!
Am Nachmittag sind wir von Kaffeetafel zu Kaffeetafel gejoggt, Kaffee mit und ohne Zusatz, Apfelkuchen in allen Varianten und noch viele Leckereien. (Es gab sie dann doch, die Bürger von Sehlis.)
Leider musste ich am Abend den wunderschönen Ort wieder verlassen – aber ich komm wieder!
Gruß an Sehlis aus Sachsenberg von Gerhard Valentin
12.05.2013
Mit Familie, Sack und Pack, Hundkatzemaus und großem Anhang (Helm van der Hahmann, 203 cm) macht man sich auf, das Wahrzeichen der Stadt Lichtenfels, die gleichnamige Burg zu bezwingen und ihren bei Dalwigksthal erigierten Fels bei wärmlichen Temperaturen zu besteigen. Die erhöhte Regenwahrscheinlichkeit leichtsinnigerweise missachtend wird prompt so mancher Wanderer zum gemeinsamen Regenerguß in die Alte Schule nach Dalwigksthal hinein getrieben und in die darauf folgende Unwetterpause bei inzwischen noch schwüleren Temperaturen und erhöhter Luftfeuchtigkeit wieder hinaus – zur Fortsetzung der jugendfreien Betätigung.
In lustvoll-rhythmischen Bewegungen wird der Gipfel des ehemaligen Lichtenfelser Rotlichtmilieus erreicht und die uneingeladenen Gäste seines Burgherrs durch die scheinbare Durchlässigkeit seiner Sicherungsanlagen und seiner Türsteher überrascht: Weder Wachbataillone zur Verteidigung, keine Kanoniere zu Kanonen, noch diverse Diplomaten zur friedlichen Verhandlung am grünen Tisch. Nahezu alle können beinah mühelos und ungehindert zur Türsprechanlage an der Pforte der Festung gelangen.
Nur eine Wachkatze wird bei einer überaus verlockenden Begrüßung einer Gruppe von Passanten beobachtet. Misstrauisch geworden ob des geringen Widerstandes und des friedvollen Gesamtbildes werden erst bei näherer Betrachtung die subtilen Fähigkeiten der Wachkatze “Zerbera”, die mit Anschmiegeattacken und gezielten Streichelappellen unsere, den restlichen Körper tragenden Extremitäten umgarnt, sämtliche Knöchel beschmusend die Sinne bezirzt, unsere Absichten einschmeichelnd milde gestimmt, uns den Gemeinschaftswillen letztlich lähmend vom ursprünglichen Vorhaben abgebracht, und wir als Passantengruppe erkannt. Die ritterlichsten Gäste schmölzen dahin, das Tier beherrscht sein Metier aus dem Eff-Eff.
Bis beim Beibringen der geforderten Streichelsteuer das dem Burgherren untertänige Ungetier doch noch die letzten Geheimnisse seiner zu beschützenden Reichtümer endlich preis gibt: Die Burg ist A) Nicht öffentlich zugänglich und AA) In Privatbesitz der Familie Siekmann. – “So’n Scheiß”, lauthalst die Koalition der Besichtigungswilligen ihre Bewertung dieser überraschenden Nachricht wie aus einem Munde der Verzweiflung.
Enttäuscht, aufgebracht und erregt bis aufs Blut motiviert durch die Nachricht, das gesamte öffentliche Wahrzeichen der Region befände sich in Händen und im Privatbesitz eines einzigen eigennützigen unternehmerischen Privatiers wird der Plan gehegt, Zerbera durch ein gezieltes Ablenkungsmanöver außer Gefecht zu setzen. Van der Hahmann wird ohne Furcht und Tadel beauftragt, die Katze in ein harmloses Gespräch über Banalitäten des Alltags zu verwickeln, so dass hinter dem Rücken des buckligen Geheuers genügend Zeit gewonnen werden kann, eine Wagenladung wurfgeschosswillige Pflastersteine zu bestellen und anliefern zu lassen.
Bis unter die Achseln bewaffnet, im Bewusstsein, nichts zu verlieren und der Absicht, die Burg endlich und endgültig aus den Fängen eines die Ansprüche seines Volkes ignorierenden Unternehmers zu entreißen, um sie der darbenden Öffentlichkeit zugänglich zu machen, können wir mit dem unplötzlichen Erscheinen von Lothar dem Schrecklichen nicht rechnen, dessen Ruf zu unrecht nur wenigen mit der Geschichte des Ortes vertrauten Personen über die von ihm zu verteidigende Burg Lichtenfels hinaus reicht.
Die schließlich an die Adresse des Burgherren von und zu Siekmann gerichtete und an der Pforte mittels modernster Technik durch die Türsprechanlage übermittelte Kriegserklärung kann noch rechtzeitig zurückgenommen, hier in Auszügen abgedruckt und somit der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden:
Burgherr: Ja?
Angreifer: GEBEN SIE SOFORT DIE BURG ZURÜCK, SONST VERGESSEN WIR UNS!
Burgherr: Wie bitte?
Angreifer: GE-BEN SIE SO-FORT DIE BURG ZU-RÜCK UND WIR VER-GES-SEN DIE AN-GE-LE-GEN-HEIT!
Burgherr: Wer ist denn da?
Angreifer: Das rötliche Bürgerbegehren zur Befreiung der Burg Lichtenfels.
Burgherr: Was für ein Begehren? Und warum schellen Sie hier? Die Burg ist nicht zu besichtigen, das steht doch auf dem Schild.
Angreifer: Wir wollen die Burg zurück, Geld spielt keine (untergeordnete) Rolle, wieviel wollen Sie?
Burgherr: Was?
Angreifer: Wie “Was”? “Wieviel” müssen Sie doch jetzt fragen?
Burgherr: Wieviel von was?
Angreifer: Wieviel Geld wollen Sie?
Burgherr: 12 bis 15 Millionen werden es schon sein.
Angreifer: Na dann gehen wir halt wieder.
Der der missglückten Attacke folgende abendliche Minnegesang des Barden van der Hahmann im Künstlermilieu Sachsenbergs klingt noch heute in den Ohren der Ohrenzeugen, erhellt noch immer die Gemüter der Mutigen und nährt immer noch die Zweifel der Verzweifelnden von einst.
Mit dem Versprechen, Texte dieser Couleur der Öffentlichkeit demnächst vor zu enthalten, werden Abend und Abenteuer für beendet und das Erlebte wie dieser Beitrag für Vergessen erklärt. -
Basia [Baascha] , das ist das Alter.
Die Diagnose, die mein Polnischlehrer auf Grund der von mir beschriebenen Krankheitssymptome fällt, überzeugt mich nicht, zudem stimmt mich das Brennen in meinem Kopf leicht gereizt: Darek, du hast ein Altersproblem, nicht ich.
Mein Polnischlehrer und ich sind gleichen Jahrgangs, die Diskussion um Tränensäcke und Jahresringe erfolgt Aug um Auge. Mir ist schwindlig und das Weiß der Wand schmerzt mich in den Augen.
Basia! Das ist nicht weiß, das ist beżowy [beschowä].
Auf Grund meines Zustandes erscheint mir die Unterscheidung von Farbnuancen auf der Skala zwischen weiß und *b e sch o w ä* am Beispiel der Wand eines Klassenraumes des Sprachinstitutes Profi-Lingua außerordentlich, wenn nicht geradezu unerträglich spitzfindig.
Warst du beim Arzt?
Nein!
Warum nicht?
Ich bin zu faul.
BASIA! Du musst regelmässig zum Arzt gehen. Das ist wichtig in deinem Alter.
Okay.
Ich halte das Thema mit dieser versöhnlichen Zustimmung für erledigt und spule im Kopf schon mal vorsorglich die Uhrzeiten in offizieller und inoffizieller Sprechweise ab.
Basia, gehst du einmal im Jahr zum Arzt?
Die Chance, die Inquisition mit einem schwebenden, aber überzeugend dahingehauchten JA zu beenden, zerstöre ich mit einem klaren harten störrischen NEIN.
Basia – mein Polnischlehrer scheint sich in einen Schlangenbeschwörer zu verwandeln – du versprichst mir, du gehst sofort zum Arzt und lässt eine Mammographie machen.
Für ungefähr dreissig Sekunden bin ich komplett schwindelfrei. Instiktiv fasse ich mir an die Brust: eine Mammographie zur tieferen Erkundung meiner Migräne?
Wow – so ist das eben: Wer eine Sprache mit sieben Fällen spricht, denkt eben auch in medizinischen Fragen komplexer.
Wir wenden uns den Uhrzeiten zu.
Bei der Autobahnausfahrt Himbergen wache ich auf. Eine Ortsverheissung, weiß auf blauem Grund, so schön wie Magdala auf der A4 oder Herzsprung auf der A24. Ich türme Beeren zu Himbergen, lasse Sahnebäche sich ergiessen und Miniatursnowborder über die weißen Hänge gleiten. Bis zur imaginierten Gulliver Welt von Himbergen war meine Wahrnehmung auf dieser sechseinhalbstündigen Autofahrt von Pommern ins Münsterland gleich null, abgesehen von einem ersten Höhepunkt, als ich nach zweieinhalb Stunden feststellte, dass sich meine linke Kontaktlinse im rechten Auge befand und die rechte folglich im linken. Eine Korrektur dieser Fehlplatzierung bewirkte eine sofortige Verbesserung der Wetterlage: Es blieb zwar trüb, war aber immerhin fortan nicht mehr so novemberträchtig schummerig-verschwommen.
Dank schwindelbezwingender Contenance gelingt es mir in Ahaus unmittelbar nach Ankunft über die Wendeltreppe des Kirchturmes das Dach der St.Marie Himmelfahrt zu ersteigen um mit dem Küster und dem Pfarrer die Möglichkeiten der Aufhängung der Installation REAKTORHERZ zu überprüfen.
Die Worte REAKTORHERZ und Mammographie verschmelzen in meinem Kopf. Dann schlafe ich dreizehn Stunden.
Ich war am Neubau, aber du warst nicht da. Silvias Stimme klingt leicht entrüstet.
Es ist halb neun. Um diese Zeit haben die Hähne im Dorf längst den Guten Morgen gekräht. Ich sitze auf der Bettkante meiner Schlafstatt im Pfarrhaus der Katholischen Kirchgemeinde in Ahaus und versuche das erste Treffen der Sonnenschirmgruppe in Blankensee zu orgsanisieren.
Silvia ist die letzte, deren Terminzusage noch fehlt.
Silvia, ich bin gerade Münsterland.
Ach so. Dacht ich mir schon.
Der Termin steht.
Noch während wir das REAKTORHERZ hängen, dringt Aufruhr in den sakralen Raum.

Seit den 80er Jahren ist die Gemeinde durch den Bau des Brennelement Zwischenlager Ahaus (BZA) gespalten, die Kirche hatte sich positioniert.
Es ist ruhiger geworden über die Jahre, aber der Widerstand ist geblieben und formiert- bei den Castortransporten, den Sonntagsspaziergänge, den Menschenketten und im Verein zur Bewahrung der Schöpfung.
Jetzt das REAKTORHERZ in der Kirche St.Mariae. Ein Schriftzg von 5m Länge der in lithurgischen Farben leuchtet. Rot zu Pfingsten, Weiss zu Fronleichnam, ansonsten Blau, Farbe der Reinheit und Verweis auf das Berliner Blaupigment, welches Lebewesen nach einer Verstahlung verabreicht wird um Radioaktivität im Körper zu binden.
TOR
HERZ
AKT
Selbst die Erde im Münsterland wirkt gewichtig und hat einen butterigen Glanz, das Gras ist satt vor Grün. In den Vorgärten der Klinkerbauten ersetzen Kieselsteine die Halme und die Natur von Büschen und Bäumen ist nach Vorbild barocker Gartenkunst gebändigt. Ich vermute eine zusätzliche regelmässige Behandlung des Blattwerks mit Drei-Wetter-Taft zur Formstabilisierung. Solche Gärten würden die Pommeranier befremden, denke ich mir und fühle mich durch die Vielfalt kultureller Eigenheiten deutscher Provinzen überfordert.
Himbergen liegt schon weit hinter mir als ich auf der Rückfahrt an der Raststätte Börde Halt mache und in meiner Geldbörse nach dem erfordlichen Kleingeld puhle, um uneingeschränkten Zugang zur Nutzung des Sanifair-Toilettenambientes mit seinen rotierender Klobrillen und Spülung auf Zuruf zu erhalten.
Zwischen den Münzen finde ich vier Medaillen der Jungfrau Maria, im Geldscheinfach ein Bild von Papst Franziskus und eine ebenfalls Maria gewidmete Novene zum mehrfachen Gebrauch.
Oh Santa Maria, oh Mammographia, oh REAKTORHERZ!
… ich weiß nicht, was genau in mich gefahren ist. Hoffentlich waren es nur die guten Geister der letztjährigen “750 Jahre Sachsenberger Stadtrechte”-Jubiläumsfeier, die mich befielen und anschließend komplett wieder verließen. Ich kann mich nur entschuldigen für diese fundamentale Entgleisung und gestehe hiermit die Untat, in Harbshausen jenen Gedenkstein, wenn auch in leicht abgewandelter Form, aufgestellt zu haben, den in Sachsenberg niemand haben wollte (s. Bericht “751 Jahre Sachsenberg” vom 3.4.2013). Ich kann nur hoffen, dass sie mir diesen Faux-Pas nachsehen können, hätte allerdings Verständnis, wenn dies jenseits aller von Ihnen zu rechtfertigenden Delikte läge, kenne ich doch inzwischen die lokalen Befindlichkeiten benachbarter Ortschaften ganz gut. Um so mehr schmerzt es mich, dass ich mir diese mit kriminellen Energien verbundene Kunstaktion in Kenntnis dieser nicht verkneifen konnte. Eine schriftliche Entschuldigung erhalten Sie postalisch, genauso wie der ehemalige Harbshausener Bürgermeister Andreas Schöneweiß und der seine Aufgaben vorübergehend übernehmende Stellvertreter Dieter Büchsenschütz. Der Drang nach künstlerischer Selbstverwirklichung ließ offensichtlich sämtliche innere Bedenkenträger verstummen, sehr zum Leidwesen der nun folgenden Debatte über Sinn und Schwachsinn in der zeitgenössischen Kunst. Lieber Herr Steuber, lieber Herr Schöneweiß, lieber Herr Büchsenschütz, es tut mir sehr leid, ich bitte Sie um Verzeihung, würde mich aber trotzdem sehr freuen, wenn sich, von mir aus auch auf Kosten der Achtung vor der Bildenden Kunst und seinen Stellvertretern auf Erden, eine Dorfpartnerschaft zwischen diesen beiden wunderbaren Orten im Landkreis Waldeck ergeben könnte.
Ihr Frank Bölter
auf dieses bild zu klicken bringt ein groesseres, aber ausnahmsweise keinen neuen beitrag
am 13 mai geh’ ich bis zur legehennenbatterie.
tonaufnahmen und reflektionen
11.05.2013
Nach dem Frühstück bei Bernd Saalfrank wird über Möglichkeiten der Freizeitgestaltung, regionale Wandergebiete und sehenswerte Burgen geplaudert und schließlich eine Wanderung von Dalwigksthal zum Schloss Reckenberg beschlossen. „Das ist eine der schönsten Wanderungen in der Gegend überhaupt“, behauptet Saalfrank: „Außerdem ist das Schloss ebenfalls sehenswert!“ In Dalwigksthal angekommen wird das Auto geparkt, die Wanderschuhe geschnürt und voller Vorfreude in den gerade frisch einsetzenden Regen gestiegen.
Nach ersten Eindrücken Dalwigksthaler Idylle und Beobachtungen einheimischer Kühe und Butterblumenwiesen gewinnt die Welt jenseits der da Draußen ebenfalls an Farbe, wie ein Auszug aus der bei zunehmendem Regen geführten Unterhaltung zeigt:
Frank Bölter (singt): Es regnet, es regnet, die Erde wird nass …
Helm van Hahm: Hörst Du bitte auf zu singen? Dein Singsang ist genauso atonal wie die Natur hier in der Gegend. Ich bin Musiker, dem entsprechend sensibel, und Du warst derjenige, der unbedingt raus wollte, in diese, diese Scheißnatur. Die trifft genauso wenig den richtigen Ton wie Du. Ich hab mir diese Regenwanderung jedenfalls nicht ausgesucht.
FB: Schau Dir doch einfach mal diesen saftiggrünen Farbton der Wiese an. Der ist doch wunderbar. Und der Regen ist genauso herrlich, der gehört genauso zum Landschaftsbild wie, äh…, ich.
HvH: Was hast Du denn mit den Wiesen, mit der Orke und den Kühen da drüben zu schaffen. Diese Idylle ist doch bloß trügerisch. Die Orke frisst sich still und leise immer tiefer in das Tal hinein, und Du sagst einfach: “Es ist so schön grün hier!”. Das ist absolut einseitig und schlicht, nichts anderes. Die Natur hat man doch bloß hier hingepflanzt, damit man auch mal denkt: „Aha. Grün gibt es also auch auf der Welt, Punkt.” Das reicht doch. Da muss man doch nicht gleich sentimental, und schon gar nicht euphorisch werden. Es ist halt einfach grün. Mehr nicht. Und dann auch noch überall dieses blühende Grün, als müsste das jetzt auch noch sein. Total übertrieben. Und außerdem, wie lange kennen wir uns eigentlich inzwischen?
FB: So 15 Jahre bestimmt schon.
HvH: So. Und genauso lange hör ich mir das jetzt schon an: “Ich muss raus in die Natur, es ist Frühling. Frühling, Frühling, Frühling, überall Frühling – ich kann’s nicht mehr hören. Und was haben wir davon: Regen, Regen, Regen. Nix als Regen.
FB: Sei doch froh, dass der Regen da ist, sonst wär’s hier zu schön.
HvH: Mir reicht es. Ich gehe keinen Schritt mehr weiter. Ich will sofort nach Hause zu meiner Gitarre … Was ist denn das jetzt? (Der Regen lässt etwas nach und hört vorübergehend ganz auf.)
FB: Dann können wir ja jetzt in Ruhe weiter gehen.
Ein Fliegeralarm unterbricht unvermittelt die Gesprächspause, ersetzt die Waldesstille, vertöönt das gesamte Orketal und versorgt die natürliche Umgebung mit Lärm. Dass Sirenengeheul wird fotografisch festgehalten, die Wanderung nach kurzer Phase der Verwunderung unsicher wie ratlos, aber stoisch fortgesetzt.
An der nächsten Weggabelung entscheidet die schlechte Witterung, die Wanderung zum Schloss Reckenberg zugunsten des hier abbiegenden und etwas kürzeren Rundwanderweges D4, der von Dalwigksthal ausgehend an der sich durch das Tal schlengelnden Orke entlang zurück zur alten Schule führt, abzubrechen. Die bildliche Idylle des Orketals hilft zwar über die Enttäuschung und die nervenaufreibenden Anstrengungen beim neuerlichen Entscheidungsprozess die Wanderroute betreffend hinweg, dennoch illustriert das folgende Bild die Stimmungslage hervorragend:
Auch wenn der Wald den Blick auf die Orke hier und da zu verstellen weiß, eröffnet ein leicht verwitterter Hochsitz die Möglichkeit einer kurzen Rast und Schutz vor dem Regen – für einen von uns.
HvH: Ist ja klar, dass Du da raufgehst. Und was ist mit mir? Soll ich hier triefend nass auf Dich warten, bis Du fertig getrocknet bist?
FB: Ich beiße da oben im Trocknen mal eben in ein Brötchen.
HvH: Moment mal. Das ist doch mein Brötchen. Ich habe Dir heute morgen noch gesagt, Du solltest Dir ein Brötchen schmieren. Und was machst Du? Nichts natürlich. Und jetzt willst Du in meines beißen? (van Hahm sucht und findet schließlich im Rucksack ein Taschenmesser und macht sich mit ausgeklapptem Sägemesser am Fuß des Hochsitzes zu schaffen, scheitert aber am unterschätzten Volumen seines Vorhabens und gibt schließlich auf). Das Brötchen ist inzwischen aufgegessen.
FB: Ist was?
HvH: Nö. (van Hahm macht sich am Hochsitz zu schaffen und versucht diesen offensichtlich um zu werfen.)
FB: Warte mal, lass mich erst runter kommen, dann geht es leichter. Ich kann Dir dabei ja auch helfen.
HvH: Gut.
Gemeinsam wird der Hochsitz umgeworfen und durch einen neuen, etwas größeren ersetzt, der genügend Platz für zwei Personen bietet.
Die Herstellung des neuen Hochsitzes “Hochsitz 1″ nimmt relativ wenig Zeit in Anspruch, alle notwendigen Materialien sind vor Ort zu finden, das Kunstwerk ist kaum bzw. nicht von originalen Hochsitzen zu unterscheiden. Die Kunst passt sich hervorragend der Umgebung an, der Auftrag der Dt. Stiftung Kulturlandschaft ist damit eingelöst. Um diesem Auftrag mehr als gerecht zu werden, wird die Herstellung des Kunstwerks “Hochsitz 2″ wenige hundert Meter weiter in Angriff genommen. Damit ist der permanenten Last der Fragestellung, was man denn in Sachsenberg im Rahmen des Stipendiums anstellen sollte, endlich Rechnung getragen. Ich bemerke eine andere Körperhaltung im Schulterbereich – Erleichterung breitet sich aus, und zwar im gesamten Waldgebiet.
Zum Ende der Wanderung und nach getaner Arbeit wird eine Einladung zum Abendessen bei Bernd Saalfrank angenommen, sich dabei über die lokale Wetterlage während der Wanderung beschwert und Nudeln mit vegetarischem Gemüse in Tomatensoße verspeist. Van Hahm berichtet über die Erlebnisses auf dem Rundwanderweg D4 und erkundigt sich, was man versäumt habe beim Nichterwandern des Weges zum Schloss Reckenberg. Saalfrank erklärt, er habe die Wanderung bereits einige Male versucht, sei jedesmal an der schlechten Witterung gescheitert und habe enttäuscht die Abbiegung auf den Wanderweg D4 nehmen müssen. Gemeinsamkeiten verbinden, verbrüdern und versauen manchmal zum Wohl den nächsten Tag.